
Johannes - Weg zur Offenbarung
Johannes - Weg zur Offenbarung
I
Vater drehte sich sichtlich genervt um. Mit nun sehr eindringlicher Stimme wiederholte er seine Sätze: "Johannes, nein! Du kommst nicht mit rein. Das ist nichts für dich. Du wirst eh nicht verstehen, was wir zu besprechen haben. Hast du das nun endlich verstanden?"
Er hielt seinem Sohn seinen ausgestreckten Zeigefinger unter die Nase.
"Sei nicht traurig. Wir erzählen dir hinterher, wie es war. Einverstanden?" tröstend und aufmuntert strich Mutter Johannes über den Kopf. Doch Johannes wich unwillig aus.
Krachend fiel die Tür zu und Johannes stand alleine vor Davids Haus. Johannes hasste es, wenn ihn seine Eltern wie einen kleinen Jungen behandelten und ihn nicht in die Versammlung der Christengemeinde mit nahmen. Als ob noch nicht verstehen könnte, was die Erwachsenen in der Versammlung zu besprechen hätten.
Voll Ärger kickte Johannes gegen einen Stein auf dem Weg, der mit einem Knall gegen die Haustür flog. Eine kleine Staubwolke trieb über den Boden, aufgewirbelt durch Johannes Fuß.
"Na, lassen sie dich nicht mit rein?"
Johannes fuhr herum. Auf der kleinen
Mauer neben Davids saß die alte Lydia in der Sonne und blinzelte mit
einem einfühlsamen Lächeln zu Johannes hinüber.
Johannes
schüttelte den Kopf. "Sie nehmen mich nie mit, wenn sie was zu
besprechen haben."
"Ärger dich nicht. Du verpasst nicht viel. Nur viele große Worte. Aber sie verstehen nicht." Lydia winkte Johannes zu sich. "Komm, setzt dich zu mir. Ich hab frische Feigen."
Johannes trottete langsam zu Lydia. Er wusste noch nicht recht, ob er mit ihr reden wollte. Die alte Frau mit ihren schlechten Zähnen machte ihm stets ein wenig Angst. Sie war seltsam. Aber von seinen Eltern wusste er, dass sie wohlhabend war und noch vor einige Jahren die Vorsteherin der Gemeinde gewesen war. Schließlich setzt er sich doch neben sie. Sie bot ihm eine Feige an, die er wortlos nahm und in den Mund steckte.
"Was meinst du mit 'sie verstehen nicht'?" fragte er kauend.
"Sie warten auf die Wiederkehr von Jesus. Es ist so lange her, dass Jesus auf Erden war. Nur noch wenige haben Jesus erlebt. Bald ist niemand mehr da, der von seinen Erlebnissen mit Jesus berichten könnte." Lydia blinzelte versonnen in den strahlend blauen Himmel.
"Das weiß ich. Vater sagt immer, sie müssten einen Weg finden, Jesus lebendig zu halten." sagte Johannes.
"Sie versuchen das mit Worten."
"Was ist falsch daran?" fragte Johannes etwas genervt.
"Vermisst du die kleine Ruth?" fragte Lydia zurück.
Johannes versetzte es einen gewaltigen Stich ins Herz bei diesen Worten. Wieso sprach Lydia nun auf einmal von Ruth, was wusste sie denn von ihr. Ruth war Johannes Freundin. Täglich hatte er mit ihr gespielt und - ja, auch wenn er es nie zugegeben hatte – er war mächtig in sie verliebt gewesen. Und dann war sie vor einigen Monaten mit ihren Eltern fort gezogen. Fort in eine andere Stadt. Und wie er sie vermisste.
Johannes nickte langsam. "Ja, schon. Ich denke immer zu an sie."
Lydia lächelte wissend. "Und wo fühlst Du das? Da oben im Kopf?" Lydia tippte Johannes sacht an die Stirn. Dann legte sie ihre Hand auf Johannes Brust "Oder eher im Herzen?"
Johannes war es etwas unwohl. Lydia schien ihm geradewegs in die Seele sehen zu können. Was wusste diese Frau von ihm? Die Antwort war klar: 'im Herzen'.
Johannes antwortet nicht.
Lydia stand mühsam auf und stützte sich auf ihren Stock. "Komm mal mit, ich möchte dir etwas zeigen."
Ohne darauf zu achten, ob Johannes ihr folgte machte sie sich mit etwas schwerfälligen Schritten auf den Weg. Zunächst etwas zögernd ging Johannes mit ihr. Nach einiger Zeit erreichten sie ein kleines altes Haus am Rande der Stadt. Es war die Werkstatt von Zacharias dem Weber. Sie betraten den düsteren staubigen Raum. Johannes sah sich um. An den Wänden waren Reih um Tücher und Wollballen gestapelt. In der Mitte stand ein kleiner krummer Tisch.
"Es hat sich nichts verändert in all den Jahren. Es könnte gestern gewesen sein." murmelte Lydia verträumt.
"Was war denn hier?" Johannes hatte keine Vorstellung.
"Hier vorne, an der Wand, hatte Jesus gesessen, als ich ihn das letzte Mal in der Stadt gesehen hatte." ehrfurchtsvoll deutete Lydia auf die Stirnseite der Werkstatt. "Hier saß er und sprach zu uns. Er verabschiedete sich. Er kündigte seinen Tot an. Wir waren entsetzt. Aber er sprach uns Mut zu. Er versprach uns, dass er uns nicht allein lassen würde. 'Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen'. Das hat er uns versprochen. 'Gott schickt denen, die mich lieben, den Geist der Wahrheit. Der heilige Geist, den mein Vater senden wird, wird euch alles lehren." Lydia schloss ergriffen die Augen. "Kannst du es spüren, Johannes? Spürst du ihn?"
Verblüfft und fasziniert sah sich Johannes in der Werkstatt um. Hier hatte Jesus zu den Leuten gesprochen. Und seine Jünger waren bei ihm und die vielen Menschen, die ihn hören wollten hatten sich in dem engen Raum gedrängt. Welch heiliger Raum war das.
Johannes spürte immer stärker, dieser Raum hatte einen Zauber. Johannes fühlte eine Kraft in sich aufsteigen. Ihm war, als würde Jesus jeden Moment die Werkstatt betreten. Er fühlte sich Jesus so nah, wie nie zuvor.
"Du spürst es auch, nicht wahr? Ich sehe es dir an." rief Lydia begeistert. Sie fasste Johannes bei den Händen. "Das ist er, der Geist der Wahrheit. Der Geist den Gott uns schickt."
"Ist hier Gott zu Hause?" fragte Johannes staunend.
"Nein, nein. Gott wohnt nicht in einem Haus. Er wohnt in deinem Herz. Wer Jesus liebt, der wird den heiligen Geist spüren. Wer Jesus liebt, dem ist er ganz nah und er wird ihm Kraft, Mut und Hoffnung geben."
Johannes löste den Griff von Lydia und lief in der engen Werkstatt umher und in sonderbarer Klarheit verstand er, dass all die Worte, die seine Eltern gerade in der Versammlung sprachen, nicht zum Ziel führen konnten. Sie müssten viel mehr ihrem Herzen folgen.
"Weißt du nun, warum ich meinte, sie würden nicht verstehen?" fragte Lydia leise.
"Kannst du mir noch mehr vom Heiligen Geist erzählen? Bitte! Wie war das, als Jesus davon gesprochen hat?"
"Wenn du möchtest, gerne. Beim nächsten Mal, wenn du nicht mit in die Versammlung darfst. Nun komm, wir gehen zurück. Sonst wirst du noch vermisst."
So verließen Lydia und Johannes die alte Werkstatt, beide nicht ohne einen Blick auf den Platz zu werfen, auf dem einst Jesus gesessen hatte.
II
Johannes war mit seinen Eltern wieder auf dem Weg zu Davids Haus, wo sich alle Christen der Stadt versammelten. Drei Tage war es her, dass sie das letzte Mal dort waren und bei diesem Treffen hatte es eine Menge Streit gegeben. Viele in der Gemeinde begannen am Glauben zu zweifeln. Über ein halbes Jahrhundert war es nun her, dass Jesus zu ihnen gesprochen hatte. Ihre Hoffnung auf seine Wiederkehr und auf Gottes Reich auf die Erde schwand, denn sie konnten in den Geschichten von Jesus nichts Neues mehr für sich entdecken.
Johannes Mutter hatte traurig vom Unglaube in der Gemeinde erzählt.
Vater ging mit schnellen Schritten voraus. Er war schlecht gelaunt und wartete sichtlich nur darauf, dass Johannes endlich wieder anfangen würde zu betteln, mit in die Versammlung zu dürfen.
Doch anders als bei den letzten Treffen wollte er diesmal gar nicht mit in Davids Haus.
Als sie die Haustüre von Davids Anwesen erreicht hatten, drehte sich Vater abrupt zu Johannes um und hob mahnend die rechte Hand. Doch als er sah, das Johannes sich schon abgewendet hatte und keinerlei Interesse an der Versammlung zeigte ließ er mit einer Spur von Überraschung im Gesicht die Hand sinken und verschwand ebenso wie Mutter missmutig im Eingang des Hauses.
Johannes sah sich um. Er suchte nach Lydia, der alten Tuchhändlerin. Er hatte sich die ganze Zeit darauf gefreut, heute wieder mit ihr zu sprechen.
Er konnte sie nirgends entdecken, nicht auf der Mauer, wo sie das letzte Mal gesessen hatte, nicht im Schatten der Häuser davor. Enttäuschung machte sich in Johannes breit.
Da öffnete sich hinter ihm erneut die Tür zu Davids Haus.
"Johannes!" rief eine brüchige
Frauenstimme.
Johannes drehte sich um und sah Lydia in der Tür
stehen. Sie winkte ihn zu sich.
"Warum kommst du nicht rein?" fragte sie.
"Meine Eltern wollen das doch nicht. Ich bin noch zu klein!" antwortete Johannes, als ob dies seine eigenen Überzeugung wäre.
"Ach was für ein Unsinn. Du musst heute dabei sein. David hat mich gebeten etwas zu erzählen!" Lydia hielt die Tür einladend auf und Johannes schlüpfte ins Haus.
Der Innenhof des stattlichen Anwesens von David war voll von Menschen. Sie alle gehörten zu Christlichen Gemeinde. Streit lag in der Luft, das konnte Johannes spüren. Eine unangenehme Spannung herrschte in der Gemeinde und die Gesichter der meisten waren angespannt.
"Liebe Schwestern und Brüder!" David war in die Mitte getreten und hatte das Wort ergriffen. "Nachdem wir beim letzten Mal keinen Weg zu Jesus gefunden haben, habe ich Lydia eingeladen uns zu erzählen. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die Jesus selbst erlebt haben."
David nickte Lydia zu, die auf ihrem Stock gestützt vor die Gemeinde trat. Ein Murren und Getuschel entstand. Nicht alle in der Gemeinde glaubten, dass Lydia ihnen etwas neues erzählen könne. David gebot mit einer Geste zu schweigen. Dann begann Lydia zu erzählen.
"Sie saßen beieinander und waren verzagt wie ihr. Petrus, Andreas, Lukas, Judas... Jesu Jünger wussten nicht, was werden würde. Jesus war fort, tot, auferstanden. Was sollte nun werden? Was sollten sie tun? Sie hatten Angst. Vor ihren Feinden, vor der Zukunft und vor sich selbst hatten sie Angst. So wie ihr!"
Johannes hielt gebannt den Atem an. Bestimmt würde Lydia gleich vom heiligen Geist sprechen. Er wollte sich jedes Wort merken.
"Dann eines Tages erschien Ihnen Jesus. Es war für die Jünger eine Erlösung den Herrn zu sehen. Und Jesus grüßte sie und sprach: 'Wie mich der Herr gesandt hat, so werde ich euch senden.' So erhielten die Jünger ihren Auftrag, in die Welt hinaus zu gehen und fortzusetzen, was Jesus begonnen hatte. Aber wie sollten sie das tun? Jesus ging zu jedem von ihnen und blies ihnen ins Gesicht. 'Nehmt den Heiligen Geist!' Wie versprochen gab Gott den Jüngern den Geist der Wahrheit und nun wussten sie, wie sie im Namen Gottes handeln sollten."
"Ach. Und woher weißt du das? Warst du dabei?" rief einer der vornehmen Männer herausfordernd.
"Nein, das war ich nicht. Aber Petrus hat es erzählt und Andreas auch.", gab Lydia zu.
"Was bringt es uns, wenn die Apostel wussten, was zu tun ist. Wir wissen es nicht!" schrie eine Frau fast hysterisch.
"Was für die Apostel galt, gilt auch für euch. Wenn ihr Jesus liebt und euer Herz öffnet, dann wird euch Gott den Heiligen Geist schicken. Ihr werdet wissen, was zu tun ist." Lydia hob die Hände und öffnete sie.
"So ein Quatsch! Das gibt nur Chaos." Johannes erschrak. Der Mann, der dies rief, war sein Vater. Er hatte in Lydias Worten nichts für sich entdecken können. "Wir brauchen ein klares Regelwerk mit klaren Anweisungen und nicht einen Geist!"
Johannes tat es Lydia gleich. Er schloss die Augen und öffnete die Hände gen Himmel und er spürte wieder, wie der Heilige Geist sein Herz wärmte und ihm Gewissheit gab, was es als nächstes zu tun gab.
Er achtete nicht mehr auf den lauten Streit, der schon wieder um ihn herum entbrannte. Er stand auf, hielt Lydia die Haustür auf und gemeinsam verließen sie Davids Haus.
III
Ein rauer Wind war inzwischen aufgekommen. Er wehte durch die Gassen der Stadt und trieb den Staub vor sich her. Johannes und Lydia setzten sich auf die kleine Mauer vor Davids Haus. Johannes verdeckte das Gesicht um keinen Sand in die Augen zu bekommen. Lydia schien der Staub nichts auszumachen. Sie schmunzelte vergnügt vor sich hin.
Johannes sah sie verwundert an.
"Wie kannst du denn so vergnügt sein? Sie haben nicht verstanden, was du erzählt hast. Sie haben sich gar keine Mühe gegeben es zu verstehen."
Lydia sah Johannes freundlich an. "Einige haben es sicherlich verstanden. Diese wenigen werden meinen Worten folgen und die Gemeinde wieder auf den richtigen weg bringen."
Johannes blieb skeptisch. "Bist du sicher?" fragte er.
"Da bin ich sicher. Absolut sicher." Lydia nickte ruhig. Doch dann hielt sie inne. Ihr Blick versteinerte und dann widersprach sie sich selbst.: "Nein, ist nicht wahr. Ich bin nicht sicher. Ich fürchte eher, du hast recht. Und was ist mit dir? Du sieht ängstlich aus. Was hast du für Sorgen?"
Johannes wunderte es mal wieder, wie gut Lydia ihn verstand. Ja, er hatte Sorgen, große Sorgen sogar. Denn er kannte seinen Vater, der sehr zornig werden konnte, wenn es nicht so lief, wie er es wünschte. Und das Johannes mit Lydia in die Versammlung gekommen war, würde Vater ihm sicher nicht so schnell verzeihen.
Lydia gab auf ihre Frage selbst Antwort. "Du fürchtest dich vor deinem Vater. Er wird wütend sein, dass du vorhin dabei warst. Obwohl er dich für die Versammlungen zu klein hält. Ist es nicht so?"
"So ist es. Er wird richtig wütend sein." Johannes sah flehend zu Lydia auf. "Er ist in letzter Zeit immer gereizt. Der viele Streit in der Gemeinde setzt ihm zu. Ihm ist der Glaube an Jesus doch wichtig."
"Wird er dich schlagen?" fragte Lydia mitfühlend.
"Das ist das Geringste." Eigentlich wusste Johannes nicht, was sein Vater genau tun würde, aber diese Ungewissheit war das Schlimmste.
"Keine Angst. Du bist nicht allein."
beruhigte Lydia ihn.
Johannes sah sie abschätzend an. "Du
hilfst mir?"
"Ja. Und er Heilige Geist."
Diese Worte fand Johannes gut. Ja, er wollte Gott um Beistand bitten. Gott sollte ihm den Heiligen Geist senden, der ihm die richtigen Worte schenkt. Johannes begann zu beten. Er bat Gott inbrünstig um Hilfe. Lydia tat es ihm gleich.
Gerade als Johannes mit dem Gebet zu Ende war, öffnete sich die Tür zu Davids Haus und einige Männer und Frauen der Gemeinde kamen heraus. Die meisten hatten rote Köpfe und machten einen bösen Gesichtsausdruck. Darunter waren auch die Eltern von Johannes.
Vater entdeckte seinen Sohn auf der Mauer sofort und steuerte mit großen Schritten auf ihn zu.
"Wie kommst du mir vor? Was fällt dir ein, dich einfach in die Versammlung zu schmuggeln." schrie er. "Ich habe dir die Versammlungen doch klar verboten!"
Noch ehe sich Johannes versah, holte sein Vater mit der rechten Hand aus und schlug ihm mit aller Kraft ins Gesicht. Der Schlag traf Johannes hart. Er stürzte von der Mauer, dem dröhnenden Knall des Schlages im Kopf folgte ein lautes Pfeifen in den Ohren und ihm wurde schwarz vor Augen.
Lydia sprang von der Mauer, so schnell sie konnte, griff den Arm von Johannes Vater und schrie: "Das solltest du wenigstens von Jesus gelernt haben: Gewalt hilft nicht weiter!"
Ein heftiger Streit entbrannte zwischen ihr und Johannes Vater, doch den hörte Johannes nicht mehr.
Etwas benommen rappelte er sich auf und als er im Staub saß, öffnete er vorsichtig die Augen.
Sein Blick fiel geradewegs durch die offene Haustür auf den Altar, den David für die Versammlung aufgestellt hatte. Auf dem Altar standen sieben große, hell leuchtende goldene Leuchter. An diese konnte sich Johannes gar nicht entsinnen. Da erschien eine strahlend weiße Gestalt vor den Leuchtern. Sie hatte ein glänzendes Gewand an, das bis zu den Füßen reichte und um die Brust war sie mit einem goldenen Riemen gegürtet. Der Kopf und die Haare der Gestalt waren grell weiß wie frisch gefallener Schnee in der Sonne und die Augen waren hell leuchtende Flammen. In der Hand hielt die Gestalt sieben goldene Sterne. Die Gestalt kam immer weiter auf Johannes zu. Ihre Füße strahlten wie glühendes Golderz im Schmelzofen.
Gebannt hielt Johannes den Blick auf diese Gestalt, deren Gesicht heller leuchtete als die Sonne. Sie erreicht Johannes, legte ihre Hand auf seine Schulter und sprach mit einer Stimme, die dem Rauschen eines gigantischen Wasserfalls glich: "Fürchte Dich nicht, ich bin der Anfang und das Ende. Ich war tot und nun lebe ich. Ich habe den Schlüssel zum Tod und zum Leben. Du Johannes vergiss nichts von dem was du siehst und hörst. Schreibe es in ein Buch und versende es an die sieben Stämme und an die ganze Welt, damit niemals verloren geht, was ich den Menschen gutes tue."
Johannes Kraft war zu Ende. Er schloss die Augen und ließ den Kopf fallen. Nun spürte er zwei warme, zärtlich Hände an seinen Wangen.
"Johannes, Johannes! Kannst du mich hören? Bist du verletzt?"
Johannes öffnete wieder die Augen und sah in Lydias sorgenvolles Gesicht. Er nickte schwach.
Dann stand er mühsam auf. Er griff nach der Hand seines Vaters, der nach dem Streit mit Lydia etwas unschlüssig neben ihm stand, und meinte:
"Vater, ich weiß, dass du Angst hast, dass sich die Gemeinde auflöst. Du hast Angst vor dem Spott der Andersgläubigen und vor den Angriffen der Feinde von Jesus, wenn du nicht mehr weißt, wie du glauben sollst. Ich weiß, du willst mich davor schützen den Untergang der Gemeinde mit ansehen zu müssen." Johannes war selbst erstaunt über das, was er da sagte. Noch erstaunter war aber sein Vater. "Aber du brauchst mich nicht zu schützen. Im Gegenteil, ich sehe in dieser Situation vielleicht Wege, die du nicht siehst."
"Und welcher Weg ist das?" fragte Vater ungläubig.
"Der Heilige Geiste, mein Güte!" fuhr Lydia ungeduldig dazwischen.
Vater sah erst Lydia, dann Johannes fragend an. Johannes nickte ihm bestätigend zu.
"Der Heilige Geist...." wiederholte Vater mürrisch.
"Durch ihn hilft dir Gott und steht dir bei, immer wenn du ihn brauchst. Ich habe das schon erfahren," sagte Johannes.
"Wann?" fragte Vater zurück.
"Gerade eben!" entgegnete Johannes und biss sich vor Spannung in den Daumen.
Vater sah in prüfend an. Er schüttelte die Hand seine Sohnes ab und wendete sich zum gehen.
"Das habe ich gemerkt!" sagte er, hakte seine Frau unter und ging.
Eine ganze Weile saßen Johannes und Lydia noch auf der Mauer. Sie schwiegen.
Schließlich sprang Johannes von der Mauer, setzte sich in den Sand der Straße und begann alle Schriftzeichen, die er kannte mit dem Finger in den Staub zu malen.
"Was tust du da?" fragte Lydia.
"Ich übe schreiben."
"Aha." weiter sagte Lydia nichts.
"Du musst mir alles erzählen, was du von Jesus und dem Heiligen Geist weißt. Wirklich alles," forderte Johannes daraufhin.
"Ja, das kann ich tun. Und warum?" wollte Lydia wissen.
"Niemals darf in Vergessenheit geraten, was der Heilige Geist gutes für uns Menschen tun kann, wenn wir ihn denn nur herbeirufen," gab Johannes zurück.
"Und wie willst du das verhindern?"
"Ich werde es aufschreiben. Alles was ich weiß, schreibe ich auf, sobald ich gut genug schreiben kann. Dann werden die Menschen aller Zeiten wissen, wer ihr bester Freund ist. Das wird eine Offenbarung!"
(Frithjof Grabe)